In den guten alten Zeiten…

Gepostet von Der Winter am 15. Dezember 2009

“In den guten alten Zeiten … da war doch einfach alles besser. Da gab es keine nervigen Handys und die Leute telefonierten nicht immer überall. Ach und die Zeitung war noch ein richtig gutes weit verbreitetes Medium und im TV (damals noch komplett öffentlich finanziert) gab es keine ewigen Castingshows und gegessen wurde jeden Abend bei Mutter am Tisch. Brauchen tun wir solch wahnwitzige Ideen wie Twitter doch eh nicht!”

Diese Einstellung trifft man diese Tage viel und in fast allen gesellschaftlichen Gruppen. Selten so gebündelt, aber doch immer wieder Ansatzweise und meist hinter guten Gründen versteckt.

Wie oft musste ich schon erklären wozu ich ein Smartphone, kein iPhone (!), besitze und brauche. Und immer wieder präsentieren andere Leute in der Runde ihr puristisches Mobiltelefon und sind ganz stolz darauf, dass dieses ja nur telefonieren könne. Mehr bräuchten sie ja eh nicht. Es ist nicht so als wenn ich jemandem neue Technik aufzwingen würde, aber es schockiert mich, dass ich nicht selten zu einer Minderheit gehöre: Die Minderheit, die nicht alles neue grundsätzlich negativ betrachtet.

Deutlich wurde diese übertriebene Sekpsis erst gestern wieder. Da hatte doch tatsächlich ein Tweet des MdL Helge Limburg aus Niedersachsen, den bis dahin wohl kaum einer kannte, tatsächlich zum Abbruch einer Plenarsitzung geführt. Nun will ich mich damit gar nicht lange auseinandersetzen und verweise an dieser Stelle nur auf den Beitrag Twitter vs. Parlamentarismus? dem ich mich im wesentlichen anschließe.

Was mich allerdings schockiert sind die teils abstrusen Forderungen die jetzt mal wieder geäußert werden. Konnte man das Nutzungsverbot von Handys an Bord von Flugzeugen noch unter dem Deckmantel der Flugsicherheit durchsetzen, kamen in den letzten Jahren auch immer wieder andere Forderungen in die selbe Stoßrichtung auf. Die Handynutzung in der Bundesversammlung, die Gefahren von Twitter im Zusammenhang mit den Exit-Polls bei der Bundestagswahl oder die ganz grundsätzliche Behauptung, dass das Internet Schuld sei am Niedergang der herkömmlichen Zeitung, seien hier nur als drei exemplarische Beispiele angeführt, wo hinter Neuheiten erst mal ein Gefahrenpotential gesehen wird.

Dass den Ministerpräsidenten nichts besseres zur Reform der GEZ-Gebühren einfällt, als Computer aller Arten schlicht (gebührentechnisch) mit Fernsehern und Radios gleichzustellen, obwohl die öffentlichen Rundfunkanstalten ihren Schwerpunkt auch weiterhin klar im TV & Radio haben (müssen), zeigt wie der Wind in dieser Republik weht. Erst mal muss alles neue (über-)reguliert und nach Möglichkeit zurückgedrängt werden, könnte es doch unsere lieb gewonnenen Gepflogenheiten beeinflussen. Neue Techniken, neue Medien und neue Heilungschancen, wie sie die Gentechnik vielleicht irgendwann bieten könnte, ja der Fortschritt an sich wird als Gefahr verstanden.

Besonders extrem wird dies ausgelebt in dem Sport Geschäft, dass den Deutschen am heiligsten ist: dem Fußball. Nirgendwo sonst werden in einem solch hoch gerüstetem Wettbewerb dermaßen veraltete Überwachungs- bzw. Kontrollstandards Aufrecht erhalten. Warum nicht zumindest Tor-Kameras eingeführt werden, verstehe wer will – ich nicht.

Es ist erschreckend wie sich diese Ablehnung des Fortschritts quer durch alle sozialen Schichten und Parteien (bei den Piraten ist dies noch nicht klar einzuschätzen, da Aussagen zu Grundsatzfragen wie dem Umgang mit Gentechnik nicht im Parteiprogramm beantwortet werden) zieht und wie egal hierbei scheinbar der Bildungsstand oder der reine IQ geworden sind. Während ich irgendwie noch verstehen kann das Konservative schon aus Grundüberzeugung mulmige Gefühle bei der Entstehung neuer Medien bekommen und mir gar vorstellen kann, dass ältere oder schlecht gebildete Mitbürger eine gewisse Angst gegenüber potentiellen Veränderungen durch technischen Fortschritt verspüren, macht mich eine Frage absolut ratlos: Wieso erweist sich neben dem linken politischen Lager auch die in Deutschland insgesamt links drehende Presse immer wieder als fundamentalistische Fortschrittsablehner? So geschehen auch vor gut drei Wochen (am 25.11.09) bei hartaberfair, wo die Frage “Sterneküche im Fernsehen, Pizza auf dem Schoß: Warum wir Europas Moppel-Könige sind” diskutiert wurde. Hier musste Valerie Naumann, als Sprecherin für die Systemgastronomie in Deutschland, aufpassen das Sie nicht auf den Scheiterhaufen geworfen wird, als Sie versuchte darzulegen dass Fastfood sich inzwischen weit über den ursprünglichen Burger hinaus entwickelt hat. “Fortschritt? Ach iwo, das ist eh schlecht und Ammenmärchen sind es sowieso…”

Was mir Sorgen an der Problematik bereitet ist jedoch weniger die Tatsache das es Leute und Menschen gibt, die alles am liebsten so lassen wollen wie es ist. Es ist die Tatsache, dass diese Fraktion in Deutschland scheinbar immer größer wird. Aufhalten wird das den Fortschritt sicher nicht, nur wächst die Gefahr das Deutschland am Ende als Verlierer des Fortschritts da steht.

Haben wir doch gerade diesem Vorsprung in Entwicklung und Wissen unseren Wohlstand zu verdanken. Wo ist die Zuversicht, ja das Selbstverständnis, das Fortschritt und Entwicklung grundsätzlich neue Möglichkeiten und Potentiale schaffen, geblieben?

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